Brauchen wir Feminismus?

Feministinnen hassen Männer. Sie rasieren sich nicht und verbrennen ihre BHs. Sie sind ALLE lesbisch, hysterisch und neurotisch und eigentlich, wenn man es genau nimmt, brauchen wir doch keinen Feminismus, da wir eh schon Gleichberechtigung haben, richtig?

Feminismus will in erster Linie die Gleichberechtigung der Frau in allen Lebensbereichen und die Veränderung der gesellschaftlichen Rollen von Frauen. Feministinnen kämpfen also nicht gegen Männer und wollen besser als sie sein, nein, Feministinnen kämpfen gegen eine immer noch in weiten Teilen patriarchische Gesellschaftsform.

Aktuell schreiben wir das Jahr 2019 und in puncto Gleichberechtigung ist schon einiges erreicht worden. 1901 durften sich Frauen das erste Mal an Hochschulen einschreiben und 12 Jahre später, waren bereits fast 5% aller Studierenden Frauen. Am 12. November 1918 haben Frauen das aktive und passive Wahlrecht erhalten. Dann kam der Zweite Weltkrieg und es wurde wieder schwieriger für uns Frauen. Wieder durften wir unsere Jobs nicht ausüben und auch nicht mehr an die Hochschule. Die Frau sollte wieder daheim bleiben und sich um die Kinder kümmern, während der Mann der Hauptverdiener der Familie war. Mit Einführung des Grundgesetzes im Jahre 1949 wird zwar formal rechtlich mit Artikel 3, Absatz 1 und 2 ("Alle Menschen sind vor dem Gesetzt gleich. Männer und Frauen sind gleichberechtigt.") die Gleichberechtigung zwischen Mann und Frau festgeschrieben, in der Realität ist man zu dieser Zeit jedoch noch meilenweit davon entfernt, wirklich gleiche Verhältnisse für Mann und Frau geschaffen zu haben. Bis in die 70iger Jahre des 20. Jahrhunderts mussten Ehefrauen noch ihre Ehemänner fragen, wenn sie berufstätig sein wollten. Und das ist nur ein Beispiel von vielen, das die anhaltende Vormachtstellung der Männer demonstriert.

Natürlich haben wir als Gesellschaft inzwischen viel erreicht wie z. B. das Mutterschutzgesetz, die Anti-Baby Pille, das Recht auf Berufsausübung ohne männliche Genehmigung, usw. Wieso wir Frauen uns immer noch beschweren? Klar, wir haben in den letzten 100 Jahren durchaus Fortschritte gemacht was das Thema Gleichberechtigung angeht und warum? Nicht weil wir Däumchen gedreht haben und gewartet haben, damit sich von alleine was ändert, nein. Wir haben diese Rechte bekommen, weil starke Frauen und Männer sich für diese Rechte eingesetzt haben. Sie haben für ihre Ideale gekämpft, Diskussionen gestartet und Menschen zum Denken angeregt. Und ja, Männer können genauso gut Feministen sein wie Frauen, denn wenn wir wollen, dass sich etwas ändert, soll schließlich nicht nur ein Teil der Gesellschaft dafür kämpfen.

Natürlich werden Frauen hier in Deutschland nicht mehr in der Weise unterdrückt wie dies noch im 20. Jahrhundert der Fall war. Wir dürfen selbst entscheiden, welchen Job wir machen, wir dürfen wählen gehen usw. Im Schnitt verdienen wir jedoch immer noch 21 Prozent (ca. 79 Cent für jeden Euro den ein Mann verdient) weniger als Männer. Frauen werden häufig noch in das veraltete Rollenbild "Hausfrau" gesteckt, obwohl Frauen die gleichen Qualifikationen haben wie Männer. Im Bundestag liegt die Frauenquote immer noch weit unter 50% und auch in Führungspositionen in der Wirtschaft sind Frauen deutlich unterrepräsentiert. Außerdem sind Frauen immer noch bedeutend häufiger als Männer Opfer sexueller Gewalt, weil sie nach wie vor als die "Schwachen und Unterwürfigen" in der Gesellschaft gesehen werden. Und jetzt werden bestimmt viele sagen "nicht jeder denkt so" und das ist mir auch klar. Aber ein großer Teil der Gesellschaft folgt immer noch diesen Denkmustern.

Und bevor jetzt alle Männer sagen werden "Wir haben auch Probleme", kann ich nur sagen, ja, das stimmt. Feminismus bedeutet ja auch nicht, dass wir euch Männer unterdrücken wollen oder eure Probleme ignorieren wollen. Aber wir wollen einfach gleich behandelt werden in jeder Hinsicht. Ich persönlich möchte auch, dass eure gesellschaftlichen Probleme weniger werden, aber erst einmal wollen wir Frauen, auf das gleiche gesellschaftliche Level wie ihr Männer kommen. Und wenn das einmal so weit ist, können wir uns gegenseitig bestärken.

Was wir erkennen müssen ist, dass Feminismus kein Kampf gegen Männer ist. Die Vision des Feminismus ist nicht eine ‚weibliche Zukunft‘. Es ist eine menschliche Zukunft. Ohne Rollenzwänge, ohne Macht- und Gewaltverhältnisse, ohne Männerbündelei und Weiblichkeitswahn.“ (JOHANNA DOHNAL, 2004). Deswegen ist meine Antwort auch, ja, wir brauchen Feminismus.

(Text: Benita Gollwitzer, 11G)